Mindset
Product Sense
Intuition entwickeln, WAS gebaut werden soll
Du hast gelernt, User zu verstehen – ihre Probleme zu sehen, ihre Sprache zu sprechen. Jetzt kommt der nächste Schritt: Aus diesen Beobachtungen die Intuition entwickeln, WAS gebaut werden sollte. Das ist Product Sense.
Was ist Product Sense?
Product Sense ist die Fähigkeit, konsistent Produkte zu bauen (oder zu verbessern), die den gewünschten Impact auf User haben.
Es basiert auf zwei Säulen: Empathie – User-Needs entdecken, die andere übersehen. Und Kreativität – Lösungen finden, die diese Needs wirklich adressieren.
Warum Engineers Product Sense brauchen
Als Engineer hast du einen unfairen Vorteil: Du siehst, was möglich ist. Du verstehst die technischen Constraints. Du weißt, was einfach und was schwer ist.
Mit Product Sense kannst du Features vorschlagen, die technisch elegant UND user-wertvoll sind. Du kannst Scope-Entscheidungen treffen, die Sinn machen. Du erkennst Red Flags, bevor etwas gebaut wird. Du wirst von "Ticket-Abarbeiter" zu "strategischer Partner".
Tipp
Product Sense ist keine angeborene Gabe. Es ist eine erlernbare Skill – wie Programmieren oder Design. Der Unterschied: Du musst sie bewusst trainieren.
Vier Praktiken zum Trainieren
1. Beobachte Menschen beim Nutzen von Produkten. Nimm 2-4x pro Monat an User Research Sessions teil. Nicht als Zuschauer – als Lernender. Achte auf Gesichtsausdrücke und Zögern. Wo entstehen Verwirrung oder Frustration?
2. Dekonstruiere alltägliche Produkte. Verbring 1-2 Stunden pro Monat damit, neue Produkte auszuprobieren und zu analysieren. Was ist der Core Loop? Wie war das Onboarding? Was ist der "Aha-Moment"? Vergleiche ähnliche Produkte – was macht jeder anders, und warum?
3. Lerne von guten Product-Denkern. Arbeite wenn möglich mit starken Product-Leuten. Nimm an Product Reviews teil. Notiere, welche Fragen sie stellen und welche Muster sie erkennen. Gute Quellen: Shreyas Doshi (Product Sense), Lenny Rachitsky (Product Growth), Julie Zhuo (Design Thinking).
4. Bleib neugierig auf Tech-Trends. Beobachte Macro-Shifts (AI, Remote Work, neue Plattformen) und Micro-Changes (neue APIs, Platform-Features). Frag: "Wenn dieser Trend sein volles Potenzial erreicht – welche Möglichkeiten entstehen?"
Als Engineer sofort starten
Marktrecherche: Schau dir Konkurrenten an. Was machen sie gut? Was fehlt? Schlage Features vor, die auf echten Markt-Insights basieren.
Daten analysieren: Grabe in Usage-Daten. Wo droppen User ab? Welche Features werden nie genutzt? Welche Pfade sind unerwartet beliebt?
User-Reviews lesen: App Store Reviews, Support-Tickets, Twitter-Mentions. Extrahiere Bug-Reports, Quality-of-Life-Probleme und Feature-Requests.
Ähnliche Versuche studieren: Was wurde früher schon versucht? Intern und extern? Warum hat es funktioniert oder nicht?
Zeichen, dass du besser wirst
Product Sense entwickelt sich langsam. Es ist ein Muskel, kein Schalter. Aber du merkst den Fortschritt:
- Du bemerkst subtile Produkt-Details, die andere übersehen
- Du antizipierst User-Probleme, bevor du Daten siehst
- Deine Hypothesen über Feature-Impact sind öfter richtig
- Teams fragen dich nach deiner Meinung zu Produkt-Entscheidungen
- Du sagst öfter "Das sollten wir nicht bauen" – und hast Recht
Der Compound Effect
Jede Beobachtung, jede Analyse, jedes Gespräch mit Usern baut auf den vorherigen auf. Nach einem Jahr hast du Hunderte von Datenpunkten im Kopf.
Diese Datenpunkte werden zu Intuition. Du "weißt" plötzlich, dass ein Feature nicht funktionieren wird – ohne es erklären zu können. Das ist Product Sense.
Das Ziel
Nicht: "Ich kann Produkt-Entscheidungen analysieren."
Sondern: "Ich treffe bessere Produkt-Entscheidungen, weil ich User verstehe."
Wähle EINE dieser Aktivitäten und mach sie diese Woche:
- Analysiere eine App, die du täglich nutzt (Onboarding, Core Loop, Schwächen)
- Lies 10 User-Reviews deines Produkts und extrahiere 3 Insights
- Frag einen Kollegen: "Was frustriert dich an unserem Produkt am meisten?"
Nächste Woche: Eine andere Aktivität. Konsistenz schlägt Intensität.
Zusammenfassung
- Product Sense ist erlernbar – ein Muskel, der trainiert werden muss
- Vier Praktiken: User beobachten, Produkte dekonstruieren, von Experten lernen, Trends verfolgen
- Der Compound Effect: Hunderte Datenpunkte werden zu Intuition
- Das Ziel: Bessere Produkt-Entscheidungen, weil du User verstehst
Was kommt als nächstes?
Du hast jetzt das Fundament: Du verstehst User. Du entwickelst Intuition dafür, was gebaut werden sollte. Aber zwischen Intuition und Umsetzung liegt noch ein entscheidender Schritt: Entscheidungen treffen.
Wie wählst du zwischen mehreren guten Ideen? Wie entscheidest du unter Unsicherheit? Wie balancierst du Trade-offs? Product Sense gibt dir die Richtung – Urteilsvermögen hilft dir, den konkreten Schritt zu gehen.